Wo die wilden Ideen wohnen

Auf Safari durch Berlins Kreativbiotope

für das t3n Magazin

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Die Zukunftsfähigkeit von Technologiefirmen hängt bekanntlich von deren Innovationsgrad ab, doch gute Ideen lassen sich nicht per Dekret produzieren. Stattdessen investieren Unternehmen zunehmend in Arbeitslandschaften, die offen, spielerisch, stimulierend und gemütlich sein sollen. Die neue Büroarchitektur soll den kreativsten Köpfen – aus den eigenen Reihen und von außerhalb – ein attraktives Habitat zum Ausbrüten innovativer Ideen bieten. Dabei werden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ebenso verwischt wie die zwischen der eigenen Belegschaft und externen Talenten.

Der Sound macht die Musik. Das wusste schon Jacques Tati, als er in seinem Film Play Time von 1967 die Geräuschkulisse und das Design modernistischer Großraumbüros in Szene setzte. Alles quietscht, rattert und piepst oder quasselt am Telefon, während der Protagonist immer wieder zwischen den gleichförmigen Cubicles verloren geht. Die Legebatterien der alten Arbeitswelt sorgten auch in der Bürosatire Office Space von 1999 noch für viele Pointen, weil man die Kollegen zwar nicht sieht aber dafür ständig telefonieren hört. Inzwischen hat sich die Situation umgedreht. Im zeitgenössischen Großraumbüro herrscht Transparenz so weit das Auge reicht und wer telefonieren will, muss in die Filzzelle. Die kleinkarierte Gleichförmigkeit ist großzügigen Arbeitslandschaften mit fließenden Übergängen und Flex-Desks gewichen.

So zum Beispiel bei Onefootball, einer Softwarefirma mit derzeit 60 Mitarbeitern, die ihre Büros seit 2014 in der „fabrik.“ in Berlin Prenzlauer Berg hat. Auf mehreren Etagen arbeitet man hier an einer Fußball-App für 20 Millionen Nutzer und ist Markführer in diesem Bereich. Der erste Eindruck am Empfang ist das Einsinken der Füße in einen grünen Teppich im Stile von Laufbahnen auf dem Sportplatz. Die weichen Bahnen dämpfen die Akustik und ziehen den Besucher in die Tiefe des Raumes – vorbei an Umkleidekabinen, Meetingräumen mit Kunstrasen, einem Miniaturstadion mit Sitzkissen für firmeninternes Public Viewing, sowie Duschen für die sportlichen Mitarbeiter – und sie enden in einer Elfmetersituation mit Fußball und Tor. Die Einladung zum Spiel ist allgegenwärtig, angesichts der filigranen Designerlampen an der Decke empfiehlt es sich jedoch nicht, hier hemmungslos drauflos zu bolzen.

Innenarchitektur mit Symbolcharakter

Das monothematische, edle Interieur stammt von dem Münchner Architekturbüro TKEZ. Es soll der internationalen Belegschaft von Softwareentwicklern eine möglichst attraktive Arbeitsumgebung bieten, neue Entwicklertalente anlocken und zugleich die Passion für das eigene Produkt nach außen kommunizieren. „Wir wollen, dass die Mitarbeiter möglichst kreativ und effektiv arbeiten können, und das klappt am besten wenn man sich wohl fühlt“ so Jessica Gierlichs, Marketing Manager bei Onefootball, „aber es gehört auch zur Unternehmensstrategie, dass wir allen Besuchern, Partnern und Investoren zeigen: Fußball ist unser Kern.“ Wenn der Erfolg eines Unternehmens von seinen künftigen Innovationen abhängt, und diese wiederum nur entstehen können, wenn man sowohl Geldgeber als auch Talente davon überzeugen kann, dass man es ernst meint und den Bogen raus hat, ist die kommunikative Komponente der Innenarchitektur kaum zu überschätzen. Im besten Fall wird sie zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

 

Die spielerische Entgrenzung der Arbeit

Ebenso wichtig wie die Außenwirkung ist die konkrete Gestaltung der Zusammenarbeit. Bei Onefootball sind Arbeitsbereiche für die Designer und Programmierer zwar zoniert aber offen und in einander übergehend. Hier wie in anderen kreativen Großraumbüros möchte man für einen möglichst ungehinderten informellen Informationsfluss zwischen den Abteilungen sorgen, denn Innovation passiert häufig an den Schnittstellen. Nichtsdestotrotz braucht es auch geschützte Räume. Die einzelnen Teams und das Management verfügen deshalb über aquariumartige Glaskuben, in welche man sich für Besprechungen zurückziehen kann. Zudem gibt es akustisch optimierte Filzschalen für spontane, informelle Besprechungen – die Architekten von TKEZ sprechen von „soft work“ Arealen.

Dem Versuch, konventionelle Arbeitssituationen aufzuweichen, begegnet man hier wie in anderen Startups immer wieder. Bei Onefootball gibt es neben der verspielten Dekoration des Büros auch spezielle Freizeit-Bereiche. „Das Spielen ist ein wichtiges Gegengewicht zur Arbeit,“ erklärt Jessica Gierlichs, „am beliebtesten sind die Kickertische und die Xboxes auf denen Fifa gespielt wird.“ In der Mittagspause oder abends gebe es regelmäßig Turniere. „Es ist schon wichtig, dass hier nicht nur gearbeitet wird. Und das entsteht total natürlich – niemand wird gezwungen Kicker zu spielen.“ Die Ausweitung der spielerischen Arbeit in die Freizeit sieht man bei Onefootball unbedenklich. „So ganz schwarz-weiß wird das wirklich nicht gelebt hier. Wir haben auch keine festen Arbeitszeiten.“ Doch Gierlichs fährt fort: „Die meisten Kollegen regulieren sich mit der Spielzeit selbst. Wenn sie nachmittags mal 20 Minuten Fifa spielen, bleiben sie halt dafür abends länger oder kommen den nächsten Tag etwas früher.“

Die Entwicklung ist also durchaus ambivalent zu betrachten, denn während die Arbeit immer mehr wie Freizeit daher kommt, weitet sie sich zugleich auf die Freizeit aus ohne dabei aufzuhören, Arbeit zu sein. Obwohl die Spielzeit dem Arbeitgeber nutzt, haben die Mitarbeiter offenbar das Gefühl, diese vermeintlich unproduktive Zeit nacharbeiten zu müssen. Die Entgrenzung der Arbeit passiert aber nicht nur in Spielzimmern, sondern auch im Rahmen von freiwilligen „Freizeitaktivitäten“, bei denen sich die Kollegen in geselliger Runde beim Bier nach Feierabend gegenseitig anspruchsvolle Fachvorträge im Freizeitbereich des Büros halten. Einmal im Monat gibt es bei Onefootball zudem ein freiwilliges Lunch-Roulette, bei dem man mit einer zufällig zusammengestellten Gruppe von Kollegen zu Mittag isst. „Es ist sehr interessant was da für Gespräche entstehen und Ideen aufkommen,“ so Jessica Gierlichs, die verschiedenen Aktivitäten folgten „einer Mischung aus Spontanität und strategischer Planung, mit dem Ziel, innovative Ideen zu produzieren, sowohl im Büro als auch außerhalb.“ Ein ganz entscheidender Punkt: Die Entstehung guter Ideen ist nicht an den Schreibtisch gebunden, doch die Unternehmen müssen sicherstellen, dass die Einfälle dennoch gehört werden und der Firma zugute kommen.

 

Eine Retro-Kammer zum out-of-the-box Denken

Besonders stolz ist man bei Onefootball auf den „Living Room“, einem von Mitarbeitern der Marketingabteilung kleinteilig aus Vintage Stücken zusammengetragenem Wohnzimmer aus Jugendtagen – einer Zeitkapsel, die deutsche Gemütlichkeit mit nostalgischen Fußballdevotionalien und vordigitaler Medientechnik vereint. Der Raum sei Reminiszenz an eine „romantische Zeit, als Fußball noch nicht so teuer war, wo sich jeder leisten konnte zu einem Spiel zu gehen. Es ist ein sehr persönlicher Ort“ so Jessica Gierlichs. Und tatsächlich hängen an den Wänden alte Kinderfotos von Mitarbeitern im Fußballoutfit. Für ein Technologieunternehmen mag die Romantik im ersten Moment paradox wirken, doch die Retro-Kammer dient als Kulisse für Brainstorming-Meetings und soll das vielbeschworene „out-of-the-box“ Denken befördern. Durch die künstlich erzeugte Aura des Raumes sollen neue Produktideen vom wahren Geist des Fußballfantums beseelt werden, von einer Zeit, als es noch nicht um Big Business sondern allein um die großen Gefühle ging. Räume wie dieser sollen ungewöhnliche Ideen ermöglichen, auf die man in einem Glaskubus entweder nicht kommen würde, oder sich nicht trauen würde sie auszusprechen. Doch so wild sich die Ideen hier auch gebaren mögen, am Ende müssen sie natürlich für die Fußball-App domestiziert werden. Die Gestaltung des Büros macht die äußeren Rahmenbedingen unmissverständlich klar.

 

Gedämpfte Akustik und gute Vibes am prasselnden Kamin

Einer der Nachbarn von Onefootball war anfänglich noch SoundCloud, doch der Musik Streaming Dienst ist inzwischen weiter gezogen in die Factory, einer 16.000 Quadratmeter großen ehemaligen Brauerei neben der Gedenkstätte Berliner Mauer. Mit seinen 250 Mitarbeitern belegt SoundCloud etwa ein Viertel des Gebäudes. Bei der Inneneinrichtung legte das Berliner Architekturbüro KINZO Wert darauf, den industriellen Charme des Gebäudes zu erhalten. Backsteinwände und Sichtbeton treffen auf freiliegende, ornamental eingesetzte Kabelstränge. Dazu sorgt viel helles Holz für rustikale Gemütlichkeit mit skandinavischem Einschlag. Ziel der Architekten war es, auf diese Weise einen fließenden Wechsel „zwischen Urbanität und Privatheit, öffentlichem Raum und Wohnzimmer“ zu erzeugen. Auch bei SoundCloud wird das Großraumbüro erst durch den geschickten Einsatz von Akustik-Elementen arbeitsfähig gemacht. Neben speziellen Paneelen die, dem SoundCloud Logo nicht unähnlich, scheibchenweise von der Decke hängen, wurden wuchtige Hängeleuchten entworfen, die zugleich zur Schalldämpfung beitragen.

Doch nicht nur der Sound der Räume wurde bewusst gestaltet, sondern auch deren „Vibe“. Die Innenarchitektur entstand unter Bauleitung der Amerikanerin Kelly Robinson, die bei SoundCloud unter der Berufsbezeichnung „Vibe Manager“ firmiert. Robinson arbeitet am liebsten für große Startups, da die einen Teil ihrer Investorengelder gerne in eine ganzheitliche Bürogestaltung reinvestieren, um so internationale Talente an sich zu binden. Dass es inzwischen ein eigener Beruf ist, die kreativen Köpfe zu umsorgen, zeigt deutlich, wie wichtig das Betriebsklima für innovative Firmen geworden ist. Es gilt, einen Vibe zu erzeugen der in genau der richtigen Frequenz zwischen heimeliger Entspannung und produktiver Konzentration oszilliert. Vor allem geht es darum, den Talenten ein zweites Zuhause zu bereiten, sodass sie so viel Zeit wie möglich am Arbeitsplatz verbringen wollen. Und so kümmert sich Robinson mit mütterlicher Sorgfalt um das leibliche und seelische Wohl der Mitarbeiter. Statt Teeküchen gibt es eine zentrale Küche als Kommunikationsknotenpunkt, natürlich mit eigenem Koch, zudem ein Pflanzenzimmer, einen Gemüsegarten auf dem Dach, Yogakurse und einen Nap Room für das kleine Nickerchen zwischendurch. Als Reaktion auf den harten Berliner Winter erschuf Robinson mit einem großzügigen Kaminzimmer den schönsten und gemütlichsten Raum bei SoundCloud. Ähnlich wie mit den spielerischen Elementen bei Onefootball geht es natürlich auch hier darum, möglichst viele Gelegenheiten für einen informellen Austausch zwischen den Mitarbeitern zu schaffen und so die Entstehung innovativer Ideen zu fördern. Vordergründig ist natürlich auch nichts gegen die Gemütlichkeit auf der Arbeit einzuwenden. Doch angesichts der hohen Fluktuation in der Startup Szene sollten die Mitarbeiter das Zuhause und den Freundeskreis außerhalb des Arbeitsplatzes nicht allzu leichtfertig aufgeben, sonst steht man schnell sehr alleine da.

 

Intellektuelle Infrastruktur und Luxushotel für Gründer

Obwohl Onefootball und Soundcloud häufig noch als Startups bezeichnet werden, haben beide Firmen bereits eine Größe erreicht, die sie weniger wendig werden lässt. Sie sind jeweils eindeutig auf ein spezifisches Produkt festgelegt, und egal wie extravagant die Büroeinrichtung auch sein mag, die Möglichkeiten der Mitgestaltung für jeden Einzelnen der Angestellten ist zwangsläufig begrenzt. Wer es ernst meint mit der vielbeschworenen Disruption und die nötige Risikobereitschaft mitbringt, wird lieber selber Gründer, und auch diese Entwicklung spiegelt sich in der Innenarchitektur wieder. So versteht sich die Factory Berlin nicht bloß als Vermieter – stattdessen möchte man ein Spielplatz für die Begegnungen zwischen Old und New Economy sein. Und tatsächlich finden sich unter den Mietern nicht nur Soundcloud, Uber und Twitter sondern auch die Lufthansa. Neben dem Spiel und der Gemütlichkeit zeichnet sich hier ein dritter deutlicher Trend ab: Unternehmen in unterschiedlichen Entwicklungsstufen suchen die Nähe zu einander. Die kleinen Gründer wollen von einander lernen sich zu professionalisieren und sich in der Aura bereits erfolgreicher und bekannter Unternehmen sonnen. Träge gewordene Großunternehmen suchen die Nähe der kreativen Jungunternehmer in der Hoffnung auf eine innovationsfördernde Frischzellenkur. Es braucht daher eine Infrastruktur, die nicht nur den Austausch zwischen Mitarbeitern sondern zwischen ganzen Unternehmen fördert und sie zudem bei ihrem dynamischen Wachstum unterstützen kann. „Du kannst mit Deiner Firmenidee im Coworking anfangen und wir können das bis zum Börsengang mit Büroflächen begleiten“ erklärt Lukas Kampfmann, Marketingchef der Factory. In der Praxis stößt diese Flexibilität durch die vollständige Auslastung des Gebäudes jedoch schnell an ihre Grenzen. „Kleine Teambüros für 4-15 Leute – das ist der Markt wo am meisten Musik drin ist,“ so Kampfmann, weil sich ab dieser Größe schlecht weiter im Café oder von Zuhause aus arbeiten lasse. „Der große Trend ist die Konvergenz aus Lebens- und Arbeitsraum“, aber die Factory sei besser als das Homeoffice, da sie neben Annehmlichkeiten wie einem Nap Room und repräsentativen Veranstaltungsräumen mit Kamin vor allem Kontakte zu anderen Kreativen böte. Man versteht sich als Campus, als intellektuelle Infrastruktur, als repräsentatives Luxushotel für Unternehmen in Gründung – nur schnödes Bürogebäude möchte man auf keinen Fall sein. „Wir sehen uns nicht als Coworking-Space sondern als Ökosystem – wir wollen eine Art Club sein für Unternehmer.“ Wegen der hohen Nachfrage kann man es sich erlauben, die Anwärter nach Innovationsträchtigkeit zu kuratieren und versucht so, die Entstehung einer besonders kreativen Community zu steuern. Mehr als für vollausgestattete Büroflächen zahlen die großen und kleinen Mieter daher für den Zugang zu einander, für einen Arbeitsplatz möglichst dicht am Puls der Gründerszene.

 

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Eine menschliche API in die Kreativszene

Die letzte Station auf der Safari: Das Fab Lab Berlin, angesiedelt im neuen Open Innovation Space auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow Brauerei zwischen Mitte und Prenzlauer Berg. Das Fab Lab ist eine offene Werkstatt, die Zugang zu Werkzeugen wie 3D Druckern, Laser Cuttern und CNC Fräsen bietet und darüber hinaus Coworking Plätze an Hardwarehacker vermietet – es ist aber auch Kooperationspartner der Firma Otto Bock, Weltmarktführer in Sachen Prothesentechnik. Der Konzern entwickelt gerade das gesamte Brauereiareal zu einem neunen Innovationsstandort, und das Fab Lab hat man sich als Investition in die Zukunft auf das Gelände geholt. „Wir sind bei Otto Bock als Firma teilangestellt“, so Wolf Jeschonnek, Geschäftsführer des Fab Lab. Mit seinen 18 Mitarbeitern ist die Werkstatt ein eigenes Unternehmen, mietet die Räumlichkeiten von Otto Bock, bekommt aber im Rahmen eine Kooperationsvertrags auch einen monatlichen Festbetrag ausgezahlt. Das einstöckige Gebäude, ein moderner, länglicher Bau mit viel Glas, wurde von Jeschonnek und seinen Kollegen zusammen mit dem Prothesenkonzern geplant. Um einen großen, offenen Gemeinschaftsraum herum sind die Maschinen und einige Büros in einer Folge von separaten Räumen angeordnet. Alle Wände im Fab Lab sind verglast, alle Türen offen.

„Bei Otto Bock hat man verstanden, dass Innovationen, die das Unternehmen voran bringen werden, nicht unbedingt im eigenen Unternehmen entstehen oder aus der kleinen Nische der Prothetik kommen werden“, erklärt Wolf Jeschonnek. Deshalb öffnet man sich für Innovation von außen, sowohl auf der technologischen als auch auf der ästhetischen Ebene. Die Zukunft der Prothese liegt in einer Mischung aus Ingenieurskunst und Modedesign, und in diesem Bereich spielen kreative Lead User eine große Rolle. „Die Idee ist, dass die Innovation quasi in Otto Bocks Vorgarten passiert. Dem Fab Lab kommt eine moderierende Rolle zu, denn wir kennen die Bedürfnisse der Designer, Künstler und Nerds.“ Bei Wolf Jeschonnek laufen die Fäden aus beiden Richtungen zusammen, er fungiert als menschliche API zwischen Konzern und Kreativszene, er hat den Überblick und kann Tüftler zusammenbringen oder an Otto Bock empfehlen. Laut Jeschonnek blieben manche Kreative die an Prothetik Projekten arbeiten aus Angst vor Ideenklau auf Distanz zu Otto Bock, doch diese Sorge sei unbegründet – der CTO der Firma zahle gerne hohe Lizenzgebühren für gute Ideen. Ziel sei es, gemeinsam mit den innovativen Entwicklern von außen Gewinne zu machen. Der Geschäftsführer des Fab Lab, selbst Produktdesigner, ist überzeugt: „Die Weiterentwicklung innovativer Konzepte kann nur durch den Austausch mit anderen Profis vorangetrieben werden.“ Im stillen Kämmerlein kommt man mit seinen Ideen irgendwann nicht mehr weiter.

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Und diese Einsicht ist auch der große gemeinsame Nenner der hier vorgestellten Arbeitslandschaften. Das Fab Lab Berlin kommt zwar wunderbar ohne Spielecken, Wohnzimmeratmosphäre, Yoga Kurse und Kaminzimmer aus, doch auch hier ist man sich sicher, dass die Innovation an den Rändern und Schnittstellen in der informellen Kommunikation mit anderen entsteht. Hier wie dort ist die Aufgabe der Architektur, diese „zufälligen“ Begegnungen zu begünstigen. Die Transparenz der Räumlichkeiten ist dabei extrem wichtig, doch es braucht auch Rückzugsbereiche für konzentriertes Arbeiten und fließenden Übergänge zwischen den Zonen, sodass man durch die jeweilige Wahl des temporären Arbeitsplatzes den Kollegen signalisieren kann, wie offen man gerade für Austausch ist. Eine weitere wichtige Gemeinsamkeit bringt Wolf Jeschonnek auf den Punkt: „Die Coworker sind unser Kapital. Wären wir nur eine Prototyping Werkstatt in der kein Schwein sitzen würde, wären wir für Otto Bock nicht interessant.“ Egal ob Onefootball, Soundcloud, Factory oder Fab Lab: all diese auf Innovation ausgerichteten Arbeitslandschaften funktionieren wie Biotope, die Architekten können lediglich die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, in der Hoffnung, dass dies die hellsten Köpfe anlockt und so auf organische Weise ein Ökosystem der Ideen entsteht. In den innovationsgetriebenen Branchen können sich die Kreativen also darauf einstellen, dass man ihnen die schönsten Nester bauen wird. Nur darf man drüber nicht vergessen, dass es auch ein Leben außerhalb der Arbeit braucht – denn irgendwann ist auch mal Feierabend.

 

Dieser Artikel ist erschienen in t3n Ausgabe 42 “Pimp My Office”, Herbst 2015.